10 Jahre Nephro Tirol: Interview mit Obmann Egon Saurer

Offene, faire Diskussionen, wie sie z. B. in den USA üblich sind, sind in unserem Land eher selten…“

Egon Saurer, Obmann Verein Nephro Tirol (VNT) ©ANÖ/AE

(VNT/AL). Nephro Tirol (NT): Der Verein Nephro Tirol feierte am 15.3.2017 sein 10-jähriges Bestehen. Aus welchen Gründen haben Sie diesen Verein gegründet?

Egon Saurer (ES): Zunächst möchte ich anmerken, dass ich mich eigentlich nicht so sehr mit Patientenvereinigungen beschäftigt habe. Anton Leitner, den ich bisher nicht kannte, hat mich angerufen, ob nach Auflösung des Vorgängervereins nicht ein Neustart möglich sein könnte. Ich habe kurz überlegt und mich dann als Gründungsobmann zur Verfügung gestellt!

NT: War die Begeisterung vorhanden oder wie reagierten andere Patienten?

ES: Das kann ich gar nicht so eindeutig beantworten. Nach einem Treffen mit Toni und Albert Elender, die ich dann auch erst kennenlernen konnte, einigten wir uns, dass es doch im Interesse der Patienten sein kann, wenn ein neuer Verein gegründet wird. So wurde dann Baustein für Baustein erarbeitet.

NT: War es schwierig, interessierte Leute für den Verein zu gewinnen?

ES: Ja! Mit Unterstützung der Klinik konnten wir auf der Ambulanz Zettel an Patienten verteilen und darin bitten, dass sich vielleicht der eine oder andere für eine Mitarbeit meldet. Gemeldet haben sich dann nur Stefan Kneringer und Arthur Vallazza. Also zwei Patienten. Ich selbst habe dann über Vermittlung durch die Klinik Silvia Prast zur Mitarbeit „überredet“. Die dann auch erfreulicherweise zugesagt hat. In weiterer Folge habe ich dann auch Herta Grüner, die ich schon lange kannte und die einen Bruder an der Dialyse hatte, gefragt, ob sie in den Vorstand einziehen möchte. Als dann Paul Höllrigl und Albert Elender vom Vorgängerverein bereit waren als Rechnungsprüfer zu kandidieren, konnte die Gründung vollzogen werden.

NT: Wie hat sich dann „Nepho Tirol“, wie wir ihn heute kennen, nach der Gründungsversammlung entwickelt?

ES: Nachdem die Zusagen von sechs Personen für den Vorstand und zwei Rechnungsprüfer vorlagen, konnte ich mit dem Ausarbeiten der eigenen Vereinsstatuten beginnen und auch ein Konzept zur Beschlussfassung vorlegen. So fand dann am 15.3.2007 die Gründungsversammlung statt. Es waren 10 stimmberechtigte Mitglieder anwesend, die bis heute als Gründungsmitglieder des Vereins einen besonderen Platz einnehmen. Margit Höllrigl und Arthur Vallazza sind in der Zwischenzeit leider verstorben. Nach der Gründung und der Genehmigung durch die Vereinsbehörde konnte bereits am 30.4.2007 die erste Vorstandssitzung stattfinden!

NT: Wie war die Unterstützung des Vereins von außen und welche Erinnerungen haben Sie an die ersten Wochen und Monate?

ES: Wenn ich die Geschichte des Vereins in den ersten Monaten Revue passieren lasse, dann war meine Freizeit bis in die Abendstunden mit der Gründung belegt. Natürlich erwartet man sich vom Obmann immer das Tempo. Die Unterstützung am Anfang war doch sehr erfreulich, weil die Gründung auch seitens der klinischen Berufe verfolgt wurde. Die Kontakte waren freilich aufgrund meiner Krankengeschichte schon vorhanden und die Intensivierung auf Vereinsebene ging dann Hand in Hand. Erfreulich war auch die Mitgliederwerbung, die sich jetzt nach „Sättigung“ aber wieder einpendelt. Es wird immer schwerer, neue Mitglieder zu gewinnen. Aber ein Patientenverein lebt eben von der Unterstützung seiner Mitglieder.

NT: Was waren für Sie die Höhepunkte in den letzten 10 Jahren?

ES: Wir waren in Tirol als noch junger Verein Vorreiter mit einem eigenen, sehr professionellen Internetauftritt. Diesen Schwung der Gründung haben wir daher bis heute nicht verloren. Ganz erfreulich war auch die Einführung einer eigenen Vereinszeitung bereits schon ein Jahr nach der Gründung, die von Anton Leitner gestaltet wird, und mittlerweile wegen ihrem hohen Niveau der Berichterstattung immer wieder eine Freude darstellt. Erfreulich war auch zu sehen, wie schlagfertig unser Verein geworden ist. Hinsichtlich der Erweiterung der Bettenstation und der Ambulanzschließtage brachten wir es zur Spitzenmeldung im ORF Tirol. Mit Zuversicht möchte ich auch das ausgezeichnete Gesprächsklima mit den medizinischen Berufen hervorheben, welches wir uns auch in den letzten 10 Jahren erarbeitet haben. Ich bin sicher, dass „Nephro Tirol“  ein unverzichtbarer Ansprechpartner geworden ist. Bereits im Juni 2007, also drei Monate nach der Gründung, haben wir die Aufnahme in die Arge Niere Österreich beantragt. Bis heute sehen wir die österreichweite Zusammenarbeit als Erfolgsrezept: Wir haben uns als neuen Verein mit unseren Vorstellungen und Ideen einbringen können und konnten andererseits von den anderen Vereinen viel Erfolgreiches mitnehmen. So profitiert man eben untereinander!

NT: Sie sind seit 2015 auch Vizepräsident der Arge Niere Österreich. Welche Aufgaben hat die Arge Niere Österreich?

ES: Ich wurde vom Vorstand der Arge Niere beauftrag, die Öffentlichkeitsarbeit der Gesellschaft zu übernehmen. So bin ich auch für den Internetauftritt und der Entlastung des Präsidenten zuständig. Ein Meilenstein war auch die Neuaufstellung der Arge Niere Hauptseite und die dann nach und nach, darunter auch „Nephro Tirol“, wechselten Bundesländervereine. Dann und wann sind auch Vertretungsaufgaben zu übernehmen, wenn die Anreise aus Tirol möglich ist. Und da ich ja regelmäßig in Wien bin, kann ich manchmal die eine oder andere Aufgabe übernehmen.

NT: Welche Herausforderungen werden in den nächsten Jahren auf Sie zukommen?

ES: Als wir am 16.3.2017 die Gründungsmitglieder zu einem gemeinsamen Essen mit dem Vorstand eingeladen haben, habe ich in meiner Ansprache besonders die Kontinuität des Vereins herausgehoben. Ich hoffe, dass es mir gelingt, in nächster Zeit geeignete Führungspersönlichkeiten zu gewinnen, die in die Funktion eines Obmanns hineinwachsen. Damit im Fall der Fälle der Weiterbestand des exzellent aufgestellten Vereins gesichert ist. Im Fokus von uns allen muss weiter die Mitgliederwerbung stehen. Und im medizinischen Sektor werden wir härteren Zeiten entgegen gehen. Abschließen möchte ich auch noch für Tirol das Projekt „Niere 60/20“ und wenn es mein gesundheitlicher Zustand erlaubt, werde ich mich auch noch entsprechenden Weiterbildungen widmen!

NT: Ärztemangel, Gesundheitsreform und die Entwicklung Tirols. Was kann ein Patientenverein tun, um sich in laufende Debatten einzubringen?

ES: Ein wesentlicher Pfeiler von „Nephro Tirol“ ist die strikte Trennung von Interessen der Ärzte und der Patienten. Trotz sehr gutem Gesprächsklima mit den Verhandlungspartnern gibt es eine gesunde Distanz. Wir sehen uns in erster Linie unabhängig und nur den Interessen unserer Patienten verpflichtet. Ich denke, das haben wir vor allem öffentlich unter Beweis gestellt. Wir lassen uns nicht parteipolitisch instrumentalisieren. Das, was derzeit in Wien passiert, wo die Patientenvereine zu den unhaltbaren Zuständen in Wiens Gemeindespitälern schweigen, wäre in Tirol nicht möglich. In Südtirol wird die zuständige Landesrätin ausgepfiffen und Tausende demonstrieren vor den Spitälern. Patientenvereine dürfen sich nicht parteipolitisch vereinnahmen lassen. Wir erhalten auch keine Zuwendungen von der öffentlichen Hand und finanzieren unseren Verein ausschließlich mit privaten Spenden, Mitgliedsbeiträgen, Inseraten und Sponsoren. Wenn ich eingeladen werde, einen Vortrag zu halten, wird das Honorar zur Gänze an den Verein überwiesen.

NT: Wie sehen Sie die Zukunft in Österreich?

ES: Offene, faire Diskussionen, wie sie z. B. in den USA üblich sind, sind in unserem Land eher selten. Wir leben hier in einer kleinkarierten Neid-Gesellschaft, in der unabhängige Freidenker mit eigenen Ansichten und konstruktiven Ideen unerwünscht sind. Angepasste, unterwürfige Mitläufer ohne eigenes Profil werden hofiert und vom Staat bedient. Diese derzeitige Entwicklung schadet nachhaltig Österreich. Österreich verliert international an Wettbewerbsfähigkeit und dadurch an Dynamik. Viele gut Qualifizierte gehen ins Ausland. Die Steuerlast und die Lebenshaltungskosten steigen und wir stöhnen unter einer Rekordarbeitslosigkeit; häufen gleichzeitig auf Kosten unserer Kinder und Enkelkinder immer mehr Schulden an. So kann das Sozial- Pensions- und Gesundheitssystem sicher nicht auf derzeitigem Niveau gehalten werden. Immer weniger Nettozahler müssen auch immer mehr Nettoempfänger schultern. Die Politik auf Bundesebene versagt in den wesentlichen Zukunftsfragen dieses Landes und ist im Eigeninteresse mit sich selbst beschäftigt. Insofern sehe ich die Entwicklungen mit großer Sorge. „Das gegenwärtig zur Verfügung stehende Personal ist nicht sonderlich geeignet, gemeinsam zu regieren, weil beide Seiten nicht ausreichend wissen, was sie eigentlich wollen.“, meinte der verstorbene deutsche Altbundeskanzler und SPD-Vorsitzende Helmut Schmidt. Dem ist wohl in Österreich auch nichts mehr hinzuzufügen!

NT: Vielen Dank für das Interview!

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