Weihnachten 2015: Interview mit Prälat Mag. Raimund Schreier, Abt von Wilten

„In unserem menschlichen Leben geht es darum, dass jeder Mensch glücklich ist. Der Weg zu diesem Glück darf allerdings kein egoistischer sein, sondern ein altruistischer…“

„Damit die Welt glaube“ ist der Wahlspruch von Abt Raimund Schreier vom Stift Wilten bei Innsbruck. Im Weihnachtsgespräch mit „Nephro Tirol“ spricht er auch von seiner Kindheit

Zur Person: Der in Völs aufgewachsene Sohn eines Polizeiinspektors war nach der Priesterweihe Kantor und Religionslehrer an der Volksschule Amras, an der Übungshauptschule in Wilten, an der PÄDAK, dann Religionsprofessor am Akademischen Gymnasium. 1992 wurde er im ersten Wahlgang für zwölf Jahre zum Abt des Stiftes Wilten gewählt und 2004 auf weitere zwölf Jahre wiedergewählt. Als Prälat von Wilten ist er auch Haus-, Hof- und Erbkaplan des Landes Tirol. Schreier ist der 55. Abt von Wilten

Nephro Tirol (NT): Nun steht wieder das Weihnachtsfest vor der Tür. Wie haben Sie Weihnachten als Kind erlebt?

Raimund Schreier (RS): Es war für mich und uns Geschwister immer der Höhepunkt des Jahres. Gespannt haben wir auf das Läuten der Glocke gewartet, das Zeichen, dass wir nun wieder das Wohnzimmer betreten durften, aus dem schon draußen im Hausgang der Duft des Baumes, der brennenden Kerzen sowie der Sternspritzer uns empfing. Das Erlebnis des dunklen Zimmers mit dem leuchtenden Baum und den Geschenken darunter ist unvergesslich. Nach dem gemeinsamen Singen des Liedes „Stille Nacht“ kam das Auspacken der Geschenke und das erste Kosten von Süßigkeiten, die am Baum hingen. Darauf folgte das immer gleiche und mit Sehnsucht erwartete Abendessen: Wiener Schnitzel mit Italienischem Salat. Später, als ich dann schon in die Oberstufe ging, war für mich der Höhepunkt die Feier der Mitternachtsmette, bei deren Vorbereitung ich aktiv während des Tages dabei sein durfte.

NT: In der lateinischen Kirche gilt Ostern als höchstes Fest im Kirchenjahr. Die Bedeutung von Weihnachten fasziniert aber immer: Geburt eines Kindes, dessen Weg nach Golgotha weist. Ändert sich in unserer Gesellschaft der Zugang zum Weihnachtsfest?

RS: Weihnachten ist in der Bevölkerung viel tiefer verwurzelt als Ostern. Das hat vor allem emotionale Gründe: Weihnachten hat viel mehr Brauchtum: der Austausch von Geschenken, wunderschöne und zu Herzen gehende Weihnachtslieder, Weihnachts-schmuck, der Christbaum, Straßenbeleuchtung, die Sehnsucht nach Begegnung und Frieden. Außerdem ist das Zentrum dieses Festes, nämlich das Kind von Bethlehem, ein wesentlich leichterer Zugang als die Auferstehung von den Toten, die unsere menschlichen Begriffe übersteigt. Weihnachten ist auch bei Nichtchristen oder der Kirche Fernstehenden ein Fest des Sich-Beschenkens, des Feierns und des Friedens.

NT: Am 25.12. feiern wir die Geburt Christi und am 26.12. wird bereits des ersten Märtyrers Stephanus der jungen Kirche gedacht. Nun ist die liturgische Farbe schon wieder rot. Was bewegt Sie, wenn sie die Liturgie feiern. Bischof Reinhold Stecher sagte mir einmal, „bei der heiligen Wandlung wird es plötzlich ganz still“?

RS: Zu Weihnachten feiern wir die heilige Liturgie in weißen und goldenen Gewändern. Weiß und Gold sind die Farben der Freude und des Festes. Am zweiten Weihnachtstag, am 26.12., am Fest des Märtyrers Stephanus, sind die liturgischen Paramente rot, Zeichen des Blutes und des Martyriums. Damit steht Weihnachten ganz im Kontext der Realität dieser Erde. Leben und Tod, Freude und Trauer, Anfang und Ende stehen nebeneinander. Weihnachten droht manchmal zu sehr in den Kitsch, in das rein Oberflächliche abzugleiten. Mit diesem Fest eines Märtyrers bekommt es einen realen Boden. Denn auch zu Weihnachten werden Menschen verfolgt, gefoltert, ermordet.

NT: Wie wird bei Ihnen im Stift das Weihnachtsfest gefeiert?

RS: Das Weihnachtsfest hat bei uns ein sehr schönes Ritual: Am Heiligabend um 18.00 Uhr wird die feierliche Vesper in der Kirche gesungen. Dabei gehen wir auch zur Krippe, vor der wir Prämonstratenser unsere Ordensgelübde erneuern, die der hl. Norbert mit seinen ersten Gefährten im Jahre 1121 zu Weihnachten zum ersten Mal abgelegt hat. Anschließend gehen wir in den Kapitelsaal, der wunderbar geschmückt ist mit einem Christbaum und einer Krippe. Nach der Verkündigung des Weihnachtsevangeliums spricht der Abt zu den Mitbrüdern. Daraufhin singen wir das „Stille Nacht“ und wünschen uns gegenseitig ein „frohes Weihnachtsfest“. Anschließend beschenkt der Abt die Mitbrüder. Dann gibt es im Refektorium das traditionelle Abendessen: Würstlsuppe, Geselchtes mit Kraut, Kekse und Punsch. Wenn die Zeit noch reicht, singen wir einige Weihnachtslieder. Dann müssen einige Mitbrüder bereits hinaus in die Pfarreien, um dort den Gottesdienst zu feiern. Um 22.30 Uhr gibt es dann eine meditative Einstimmung in der Kirche entweder mit dem Gesang der Sängerknaben oder mit Orgelmusik, und um 23.00 Uhr beginnt dann der Höhepunkt des Weihnachtsfestes, die sogenannte Mitternachtsmette.

NT: Sie sind der 55. Abt von Wilten und wurden 1992 im ersten Wahlgang für 12 Jahre gewählt. 2004 für weitere 12 Jahre. Sie sind auch Haus- Hof- und Erbkaplan des Landes Tirol. Erzählen Sie unseren Lesern, was das bedeutet, und wie man sich eine Abtwahl vorstellen kann; denn Bischöfe werden ja frei vom Papst in Rom ernannt.

RS: Eine Abtwahl ist in unserem Prämonstratenserorden ein sehr demokratischer Prozess. Das sogenannte Kanoniekapitel (die Versammlung alle Mitbrüder, die ihre Ewigen Gelübde abgelegt haben) versammelt sich und beschließt in einem ersten Wahlgang, ob der Abt auf Lebenszeit oder auf bestimmte Zeit (neun bis zwölf Jahre) gewählt wird. Wird er auf bestimmte Zeit gewählt, beschließt man in einem weiteren Wahlgang die Amtsdauer des zu wählenden Abtes. In einem weiteren Wahlgang wird dann die Altersgrenze festgelegt. Die Tiroler Äbte hatten über Jahrhunderte einen Sitz auf der sogenannten Prälatenbank im Tiroler Landtag. Der Abt von Wilten hatte dabei auch eine besondere Rolle als Haus-, Hof- und Erbkaplan des Landes Tirol. Nachdem der Bischof in Brixen saß, musste er die Ortskirche oft repräsentieren. Außerdem war ein Wiltener Abt der Erbauer des Tiroler Landhauses.

NT: Was hat Sie bewogen, eine Priester- und Ordenslaufbahn einzuschlagen?

RS: In meiner Kindheit bis zur Matura hatte ich mehrere Berufswünsche: den eines Arztes, eines Lehrers oder eines Musikers. Immer aber war auch der Wunsch da, Priester zu werden. Im Laufe der Zeit entdeckte ich, dass ich als Priester – so wie ein Arzt – auch Menschen heilen kann, und zwar seelisch. Als Priester kann ich auch unterrichten, so wie ein Lehrer. Und so durfte ich später nach der Priesterweihe über viele Jahre Religionsunterricht halten. Und als Priester habe ich sehr viel mit Musik zu tun – ganz besonders als Prämonstratenser, da die gesungene Liturgie für uns eine große Bedeutung hat. So ist im Laufe der Jahre (ganz konkret dann in der 8. Klasse des Gymnasiums) meine Entscheidung gefallen, Prämonstratenser von Wilten zu werden.

NT: Sehen wir uns die Mainstreammedien an, dann gilt der Blick meistens auf die Europäische Kirche. Die katholische Kirche wächst aber außerhalb Europas stark. Wie sehen Sie aber doch das Problem des Priestermangels? Wird es – wie in der Ostkiche – einmal den bewährten verheirateten Weltpriester geben?

RS: Das Wort katholisch bedeutet ja soviel wie „weltumfassend“. So verstehen wir Katholiken uns vor allem als Weltkirche. Sie haben recht, dass das Problem des Priestermangels vorwiegend in Europa sehr stark ist, was natürlich auch unter anderem mit dem Problem des Christenmangels zusammenhängt. In Indien z. Bsp., wo auch wir Prämonstratenser Klöster mit sehr vielen Berufungen haben, gibt es dieses Problem nicht. Den Weg des bewährten verheirateten Weltpriesters kann ich mir gut vorstellen. Allerdings wird der Weg des Zölibatären immer ein wichtiger und notwendiger sein.

NT: Es gibt mittlerweile auch Kritik, dass sich die westliche Kirche zu sehr auf Sozialthemen fokussiert und die spirituelle Dimension der Kirche vernachlässigt. Wie sehen Sie die Verkündigung der Kirche?

RS: An dieser Beobachtung ist sicher etwas dran. Allerdings wird Papst Franziskus nicht müde, uns immer wieder auf die spirituelle Dimension hinzuweisen. Auch Bischöfe und Priester versuchen bei verschiedensten Anlässen, den Blick auf Gott zu fokussieren, der das Zentrum unserer Verkündigung sein muss.

NT: Um was geht es im Leben?

RS: In unserem menschlichen Leben geht es darum, dass jeder Mensch glücklich ist. Der Weg zu diesem Glück darf allerdings kein egoistischer sein, sondern ein altruistischer, der auch manchmal Opfer und Verzicht verlangt. Aber letztlich geht es darum, dass wir Menschen Glück und Frieden finden. Unser letztes Ziel ist das unendliche Glück: das ist die ewige Umarmung Gottes im Himmel.

Vielen Dank für das Gespräch! (Das Interview mit dem Abt von Wilten führte Egon Saurer)

Link:

Stift Wilten

 

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