Interview mit Univ. Prof. Dr. Alexander Rosenkranz, Präsident der österreichischen Gesellschaft für Nephrologie (ÖGN)

„Ein Beispiel wäre die Arbeit von Nephro Tirol für die Nephrologische Klinik in Innsbruck. Das entsprechende Aufzeigen von Mängeln durch den Patientenverband hat hier aus meiner Sicht wesentlich dazu beigetragen, dass die Nephrologie dort gestärkt werden konnte.“

Univ. Prof. Dr. Alexander Rosenkranz gilt innerhalb der heimischen Nephrologie als intellektuelles Aushängeschild. Im Gespräch mit "Nephro Tirol" ist er durchaus optimistisch...

Univ. Prof. Dr. Alexander Rosenkranz gilt innerhalb der heimischen Nephrologie als intellektuelles Aushängeschild. Im Gespräch mit „Nephro Tirol“ ist er durchaus optimistisch…

Zur Person: Univ.-Prof. Dr. Alexander Rosenkranz wurde in Wien geboren; seit 01.02.2011 leitet er die Klinische Abteilung für Nephrologie und Hämodialyse an der Med Uni Graz und ist seit zwei Jahren Vorsitzender der österreichischen Gesellschaft für Nephrologie. Neben seinen experimentellen Arbeiten gilt sein besonderes Interesse den Mechanismen der kardiovaskulären Calzifizierung bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion.

(ES). Nephro Tirol (NT): Seit 1.2.2011 wurden Sie als Professor für Nephrologie und Hämodialyse an der Med. Universität Graz berufen. Wie haben Sie sich in Graz eingelebt?

Alexander Rosenkranz (AR): Nachdem es meine 4. berufliche Station nach Wien, Boston und Innsbruck darstellt, war es für mich sehr einfach auf die neue Umgebung einzustellen. Ich hatte das Glück in ein ausgezeichnetes Team zu kommen, welches ich durch Kollegen Kirsch und Frau Dozentin Eller aus Innsbruck noch verstärken konnte. Ich denke, dass ich die einmalige Chance hatte hier die weitere Entwicklung einer Universitätsklinik beeinflussen zu können, nutzen konnte und bereue keinen Tag hierher gekommen zu sein. Wichtig war für mich, dass das private Umfeld passt, und sich meine Familie hier gut eingelebt hat.

NT: In weiterer Folge wurden Sie zum Präsidenten der österreichischen Gesellschaft für Nephrologie gewählt. Wie sieht hier Ihr Arbeitsprogramm aus?

AR:  Die Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren auf das Konzept 60/20 festgelegt, welches ich dann noch genauer beschreiben werde. Zusätzlich konnten wir einige anstehende Dinge, wie zum Beispiel die Zukunft des Registers der Österreichischen Gesellschaft in neue Bahnen lenken und auf eine zukunftssichere Basis stellen. Prof. Gert Mayer aus Innsbruck wird in Zukunft die Agenden hier für ganz Österreich übernehmen. Weiters konnten wir die ersten Schritte für  die Etablierung des Lebendspenderegisters einleiten, und uns vor allem in die neue Ausbildungsordnung für den Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie einbringen. Das sind wichtige zukunftsweisende Entscheidungen. Ich denke, dass ich nach 2 Jahren der Präsidentschaft hier ein wohlbestelltes Haus übergeben kann.

NT: Von 1996 bis 1998 studierten Sie an der Havard Medical School in Boston, USA. Wie haben Sie das Gesundheitssystem in den USA erlebt?

AR: Ich war in Boston hauptsächlich in die Forschung involviert, habe aber privat bzw. über meine Frau, die als Dialyseschwester in Boston arbeitete, das Gesundheitssystem erlebt. Dass es hier zu einer Unterversorgung gekommen wäre, war aus meiner Sicht nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Vielmehr war es gewöhnungsbedürftig, dass es ein Primary Health Care Center als Ansprechpartner gegeben hat, eine Idee, die jetzt offensichtlich auch in Österreich Fuss zu fassen beginnt. Die Gesundheitsvorsorge wird viel bewusster ge- und erlebt und ist auch in den Medien wesentlich präsenter. Insbesondere neue Forschungsergebnisse, die eine direkte Auswirkung auf die Gesundheitsversorgung haben, werden in den Zeitungen und Fersehen entsprechend publiziert.

NT: In Ihren Forschungsarbeiten steht die Aufklärung der Pathogenese (Glomerulonephritis) im Zentrum. Können Sie uns hier einige Details Ihrer Forschungsarbeit erklären?

AR: Beginnend mit der Arbeit in Boston, aber auch nachher in Innsbruck und in Graz konnten wir erstmals zeigen, dass eine Fraktion von weißen Blutzellen, die sogenannten regulatorischen T-Zellen, aber ebenso auch Mastzellen in die Pathogenese der Glomerulonephritis involviert sind. Erste Schritte durch entsprechende Intervention mit regulatorischen T-Zellen werden bereits in anderen Gebieten der Medizin therapeutisch genutzt, sodass man davon ausgehen kann, dass dies eine mögliche Option in Zukunft sein könnte. Zusätzlich haben wir in Graz begonnen, Verkalkungsmodelle bei Tieren mit eingeschränkter Nierenfunktion zu etablieren und konnten hier schon rezent einige Details dazu publizieren. Wir erhoffen uns durch Aufklärung der Pathogenese der Kalzifizierung insbesondere bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion neue therapeutische Erkenntnisse zu erarbeiten.

NT: Kommen wir zum Projekt Niere 60/20. Im Frühjahr hat sich die Nephrologische Gesellschaft bereits in Schladming damit befasst und am 23.8.2015 fand eine Diskussion in Alpbach statt. Wie wichtig ist dieses Projekt für die Patienten?

AR. Das Projekt 60/20 ist aus meiner Sicht nicht nur ein Meilenstein für die Österreichische Gesellschaft für Nephrologie, sondern vor allem für die Patientenversorgung. Im Rahmen der letzten Gesundheitsreform stand die Prävention im Mittelpunkt. Es wurden in der Bundeszielsteuerungs- als auch in den einzelnen Landeszielsteuerungskommissionen neue Projekte zur Prävention formuliert. Für die Steiermark ist es uns gelungen ein Projekt mit dem Namen „Niere.schützen“ zu etablieren.

Was versteht man darunter: Wir wissen, dass mit Abnahme der Nierenfunktion das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen steigt. Eine der ersten Marker für ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko, ohne dass dadurch die Nierenfunktion wesentlich eingeschränkt ist, ist das Auftreten von Eiweiß im Harn. Wir etablieren gerade ein Screening-Programm, bei dem die Eiweißausscheidung und die Nierenfunktion im niedergelassenen Bereich bei Patienten mit Risikofaktoren (Hypertonie, Diabetes, Adipositas) evaluiert wird und bei entsprechendem Nachweis (eingeschränkte Nierenfunktion + Eiweißausscheidung im Harn) der Patient einem Spezialisten zur weiteren Betreuung zugeführt ist. Ziel dieses Projektes ist es, das Fortschreiten der Nierenfunktionseinschränkung ebenso wie kardiovaskulär Ereignisse (Schlaganfall, Herzinfarkt) zu verhindern. Was die Nierenfunktion betrifft, wissen wir, dass der physiologische Prozess im Alter dazu führt, dass die Nierenfunktion perse um 1 – 2%/Jahr abnimmt. Bei erhöhtem Blutdruck ist dies allerdings beschleunigt mit mehr als 5 – 10%/Jahr, sodass es unser Ziel sein muss, diesen Prozess zu verlangsamen und damit die Dialyse zu vermeiden, hinauszuzögern, aber auch gleichzeitig kardiovaskuläre Ereignisse zu verhindern. Die Zahl „20“ steht für 20% Restfunktion der Niere. Dies ist uns besonders wichtig, Patienten in diesem Stadium ausreichend über die Möglichkeiten einer Nierenersatztherapie informiert werden sollen. Hier soll darauf hingewiesen, dass jedem Patienten die Therapie zukommt, die medizinisch, sozial und auch psychologisch am besten verträglich ist.

NT: Funktioniert im Rahmen des Projektes „Niere 60/20“ die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten ausreichend oder sehen Sie hier einen dringenden Handlungsbedarf?

AR: Dies ist unser Ziel, hier die Zusammenarbeit im Rahmen des Projektes 60/20 mit dem niedergelassenen Bereich deutlich zu verbessern. Die Österreichische Gesellschaft für Nephrologie hat sich dazu bekannt, dass Nephrologie intramural, d.h. nur im Krankenhaus überlebensfähig und auch sinnvoll ist. Dadurch benötigen wir aber die enge Zusammenarbeit mit dem niedergelassenen Bereich. Wir sind gerade dabei in Zusammenarbeit mit dem Institut für Allgemeinmedizin an der Med.Uni.Graz dieses Projekt so aufzusetzen, dass wir hier Strukturen vorgeben können, wie die Zusammenarbeit mit dem niedergelassenen Bereich abläuft. Es müssen hier sowohl Patienten als auch praktische Ärzte und Internisten mit an Board geholt werden. Das umfasst natürlich eine enge Zusammenarbeit, nicht nur mit den Ärzten, sondern auch mit ihrer Vertretung, der Ärztekammer, sowie den Versicherungen wie der Gebietskrankenkasse. Ich glaube, wir sind hier auf einem guten Weg und ich hoffe in ein, zwei Jahren schon hier mit ersten Erfolgen aufwarten zu können.

NT: In der Steiermark wurde ergänzend zur Gesundheitsreform 2012 das Projekt 60/20 in den Landeszielsteuerungsvertrag aufgenommen. Wie sieht es in den anderen Bundesländer aus und wohin will die nephrologische Gesellschaft in Österreich kommen?

AR: Es gibt hier erste Anfragen aus Kärnten, Burgenland und Wien. Letztendlich wird nur der Erfolg in der Steiermark andere Bundesländer dazu bringen, dieses entsprechende Programm zu übernehmen.

NT: Naturgemäß interessiert uns die Versorgungslage der Patienten. Wie wird sich in den nächsten Jahren der Fachärztemangel auf die nephrologische Versorgung auswirken?

AR: Das ist ein sensibles Thema, bei dem wir hier sehr wachsam sein müssen. Die Österreichische Gesellschaft hat versucht sich hier vor allem in der Ausbildungsordnung einzubringen, um entsprechend auch im allgemeininternistischen Bereich nephrologische Kenntnisse zu vermitteln. Zusätzlich sind aus meiner Sicht die Universitätskliniken in Österreich so aufgestellt, dass sie als Referenzzentren für nephrologische Versorgung ausgezeichnete und ausreichende Arbeit leisten. In den einzelnen Bundesländern, die keine nephrologischen Universitätskliniken aufweisen, ist hier sicherlich noch Handlungsbedarf, aber ich denke, dass das Thema Nephrologie in der Gesundheitspolitik erstmals auf die Agenda gekommen ist und ich mache mir hier keine größeren Sorgen, dass es hier zu größeren Engpässen kommen könnte.

NT: Haben Sie Interesse die Patienentenverbände enger in die Diskussion einzubinden?

AR:  Die letzten Jahre, in denen ich mich der Umsetzung des Projektes 60/20 intensiv gewidmet haben, haben in mir die Meinung weiter gestärkt, dass wir ohne Patientenverbände hier für die Nephrologie keine entscheidende Weiterentwicklung schaffen werden können. Ein Beispiel wäre die Arbeit von Nephrotirol für die Nephrologische Klinik in Innsbruck. Das entsprechende Aufzeigen von Mängeln durch den Patientenverband hat hier aus meiner Sicht wesentlich dazu beigetragen, dass die Nephrologie dort gestärkt werden konnte. Auf Grund der Geschichte und der Forderungen von Ärzten, die sich im Nachhinein nicht immer als die ökonomischsten Forderungen herausgestellt haben, ist die Poliktik wenig daran interessiert, sich mit Spezialisten/Medizinern auseinander zu setzen. Auch die unterschiedliche Meinung der unterschiedlichen Fachärzte für unterschiedliche Organe und deren Wichtigkeit hat wahrscheinlich auch dazu beigetragen. Daher ist es um so wichtiger, dass Betroffene, und in diesem Fall die Patienten, sich hier zu Wort melden, und auf Mangelzustände aufmerksam machen.

NT: Was fasziniert Sie an der Nephrologie?

AR:  Die Nephrologie ist aus meiner Sicht ein Fach, das sehr viele Spezialgebiete vereinigt, welche von Kardiologie bis zur Geriatrie reichen. Dadurch ist die Nephrologie immer noch medizinisch sehr breit aufgestellt. Allerdings gibt es viele ungelöste Fragen, die durch Intensivierung der Forschung noch geklärt werden müssen. Das macht es für mich so interessant, da dieses Feld auch derzeit stark im Umbruch ist. Ich denke, wir leben nicht nur politisch (Stichwort „Flüchtlingsdramen“) in einer schwierigen Phase, sondern auch in der Patientenversorgung. Es werden Strukturen hinterfragt, es werden Ressourcen hinterfragt, und es wird zu großen Umwälzungen in der Medizin kommen. Allein das neue Arbeitszeitgesetz wird zu massiven Änderungen in der Arzt/Patienten-Beziehung führen. Alles in allem ist dies aber eine äußerst spannende Zeit und ich bin froh, hier an den Entwicklungen sowohl in der Nephrologie als auch in der Medizin allgemein aktiv teilnehmen zu können.

Nephro Tirol bedankt sich herzlich für das Gespräch!

Links:

Österreichische Gesellschaft für Nephrologie

Klinische Abteilung für Nephrologie, Graz

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