Interview mit Rudolf Brettbacher, Präsident der Arge Niere Österreich (ANÖ)

Was mich wundert ist, dass z. B. Themen wie besserer aber gesicherter Patientendatenaustausch zwischen den Krankenanstalten und Fachärzten zur Vermeidung von Mehrfachuntersuchungen oder der Mißbrauch der E-Card (Gesundheitstourismus) viel zu wenig Beachtung findet…“

Brettbacher

Für seinen ehrenamtlichen Einsatz erhielt Rudolf Brettbacher von Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer die Verdienstmedaille des Landes OÖ

Zur Person: Der 1959 geborene Rudolf Brettbacher ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Am 2.12.2007 wurde er als Nachfolger der verstorbenen Obfrau Helga Lukas zum neuen Obmann des Vereins Niere OÖ gewählt. Am 11.4.2015 erfolgte die Wahl zum Präsidenten der Arge Niere Österreich. Der gebürtige Oberösterreicher gilt innerhalb der heimischen Selbsthilfe als Arbeitstier und jovaler Kenner der Szene. Mit ihm sprach Nephro Tirol über sein Arbeitsprogramm für die nächsten Jahre.

Nephro Tirol (NT): Sie sind Präsident eines österreichweiten Dachverbandes und Obmann des Vereins Niere Oberösterreich. Wie sind Sie zur Selbsthilfe gestoßen?

Rudolf Brettbacher (RB): Ich glaube, die soziale Einstellung ist mir in die Wiege mitgegeben worden. Mein soziales Engagement habe ich vor meinem Eintritt beim Verein Niere Oberösterreich schon jahrelang im Roten Kreuz eingebracht. Das hat der Kassier vom VNOOE gewußt und mich angesprochen, ob ich nicht beitreten möchte. Es wurde mir dabei auch gleich die Funktion des Vorsitzenden angeboten. Nach einem langen Gespräch mit dem damaligen Vorstand (2007) habe ich zugestimmt. Das war der Beginn meiner Tätigkeit in der Selbsthilfe und ich habe noch keine Minute davon bereut. Im Gegenteil, es macht mir Spaß und ich habe viele herzensgute Menschen und Freunde gefunden!

NT: Können Sie uns auch kurz schildern, wie es zu Ihrer Erkrankung gekommen ist und wann Sie transplantiert wurden?

RB: 5 Monate nach meinem Schiunfall im Jänner 1967 musste ich mit der Diagnose „Diabetes mellitus“ ins Krankenhaus. Meine Geschichte als Diabetiker würde jetzt den Rahmen sprengen, daher nur kurze Eckpunkte: 1990 stieg das Kreatinin das erste Mal über 1,2. Im November 1999 wurden die Voruntersuchungen zur Transplantation gemacht und am 21. April 2000 (es war der Karfreitag) wurde mir eine Niere und eine Bauchspeicheldrüse in der Uni-Klinik Innsbruck erfolgreich transplantiert.

NT: Im April 2015 sind Sie zum österreichweiten Präsidenten der Arge Niere gewählt worden. Welche Ziele verfolgt Ihre Institution?

RB: Wie es unser Name schon sagt, sind wir eine Arbeitsgemeinschaft der Bundesländervereine mit Südtirol zum Zweck des Informationsaustausches, der Entwicklung gemeinsamer Strategien und der Vertretung der Patientenanliegen und Themen auf Bundesebene. Wir wollen ein starkes Sprachrohr für die österreichischen und Südtiroler NierenpatientInnen in Richtung der Bundesgremien sein. Stärkung der Mitgliedsvereine und des bereits sehr guten Netzwerkes im In- und Ausland gehören ebenfalls zu unseren Zielen.

NT: Österreich steht vor großen Veränderungen. Im Gesundheitssystem muss eingespart werden. Fachärzte verlassen zum Teil Österreich. Ambulanzen müssen geschlossen werden und erst unlängst hat der Tiroler Spitalsbetreiber verkündet, dass 50 Prozent der Ambulanzbesuche ausgelagert werden müssen. Wie sehen Sie die Entwicklung des Gesundheitssystems in den nächsten Jahren?

RB: Grundsätzlich habe ich Verständnis für eine Optimierung und auch für Einsparungen im Gesundheitssystem. Sie dürfen nur nicht zu Lasten der Qualität, der Versorgung der Patienten und nicht der Ärzte sowie des Pflegepersonals gehen. Der Standort Österreich darf für gutes Personal dadurch nicht gefährdet werden. Ich sehe es als große Herausforderung derVerantwortlichen, vor allem der Länder, diesen Spagat zu finden. Was mich wundert ist, dass z. B. Themen wie besserer aber gesicherter Patientendatenaustausch zwischen den Krankenanstalten und Fachärzten zur Vermeidung von Mehrfachuntersuchungen oder der Mißbrauch der E-Card (Gesundheitstourismus) viel zu wenig Beachtung finden und umgesetzt werden. Aber auch wir können einen positiven Beitrag zu diesen Veränderungen im Gesundheitssystem leisten, indem unsere Bundesländervereine verstärkt die Betreuung, Information und Beratung im nicht-medizinischen Bereich den PatientInnen und Angehörigen anbieten.

NT: Organe werden immer knapper. Was kann die Arge Niere tun, um die Spendenbereitschaft zu erhöhen?

RB: Wir können versuchen, der Bevölkerung noch mehr sachlich korrekte Aufklärung anzubieten. Ein Beispiel dafür ist das seit fünf Jahren  vom Transplantforum OÖ (www.transplantforum-ooe.at) erfolgreich durchgeführte Schulprojekt „Let’s talk about Organspende und Transplantation“. Wir haben uns das Ziel gesetzt, dieses Projekt in Zusammenarbeit mit den Transplantforen auf ganz Österreich auszudehnen. Da die Transplantation ja inzwischen eine anerkannte Therapie (Ersaztherapie) ist, bemühen wir uns gemeinsam mit den sehr motivierten Ärzten und Pflegepersonal, dies auch im System und in der Gesellschaft als solches zu etablieren.

NT: In der Arge Niere sind alle österreichischen Bundesländervereine zu einem Verband zusammengeführt. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

RB: Ich bin meinen Vorgängern sehr dankbar, dass sie es geschafft haben, die ANÖ zu gründen und aufzubauen. Ich konnte bei der Wahl einen gut funtkionierenden Dachverband übernehmen, deren Funktionäre ich schon lange kenne und der strukturell gut aufgestellt ist. Ich kann nur sagen, dass die Zusammenarbeit sehr gut funktioniert und wir uns immer schon auf die nächste Tagung bzw. Besprechung freuen. Sicher diskutieren wir so manches Thema und sind auch mal unterschiedlicher Meinung, aber das ist ja für eine positve und nachhaltige Arbeit und ein gutes Ergebnis unerlässlich. Ein großes Dankeschön von meiner Seite an meine KollegInnen in der ANÖ  für ihr Engagement.

NT: Wird sich die Arge Niere auch öffentlich zu bestimmten Themen, die österreichweit Nierenpatienten betreffen zu Wort melden?

RB: Ja natürlich werden wir uns auch öffentlich zu diesen Themen zu Wort melden. Es ist ein Teil unserer Aufgaben, die Anliegen und Wünsche unserer PatientInnen und Angehörigen zu vertreten und dies auch öffentlich kundzutun.

NT: Welchen Stellenwert schreiben Sie den neuen Medien (wie z.B. dem Internet) für die Selbsthilfearbeit zu?

RB: Die Gesellschaft ist in einem ständigen Wandel und diesem können und dürfen wir uns nicht entziehen, wenn wir erfolgreich bleiben wollen. Mit diesen Medien erreichen wir nicht nur unsere PatientInnen und deren Angehörigen besser, sondern auch Ärzte und Pflegepersonal, Interessierte aber auch die Meinungsbildner und politisch Verantwortlichen. Informationen werden immer mehr über diese Schienen weiter gegeben und angeboten. Wir müssen also diese Medien sinnvoll und verstärkt nutzen.

NT: Ist die Arge Niere auch international positioniert und wie sehen Sie die Arbeit im europäischen Kontext?

RB: In der Arge Niere Österreich ist auch unser Südtiroler Nierenkrankenverein „Nierene“ ein Mitlied und als Partner ist der Landesverband Niere Bayern e.V. bei uns. Einen sehr guten Kontakt haben wir auch zu dem deutschen Bundesverband Niere e.V.. Noch heuer soll im Herbst ein Treffen und eine Abstimmung mit den Schweizer KollegInnen stattfinden. Wir sind dadurch im deutschprachigen Raum enorm gut vernetzt. Natürlich sind wir auch Mitglied beim europäischen Nierenverband CEAPIR und bei dessen Tagungen vertreten.

NT: Welche Herausforderungen in den nächsten Jahren wird Ihrer Meinung nach die Arge Niere zu bewältigen haben?

RB: Ein Thema wird sein, dass wir, da meine ich die Bundesländervereine, unsere Mitgliederzahl erhöhen, da die Mitgliedsbeiträge einerseits einen wichtigen Bestandteil unserer Vereinsmittel darstellen um damit das Leistungsangebot noch verbessern zu können. Andererseits können wir mit einer größeren Mitgliederanzahl auf Landes- und Bundesebene stärker auftreten und dadurch mehr  erreichen. Das Thema Finanzierung der ANÖ und der Bundesländervereine ist eine weitere Herausforderung. Wir wollen bei der Erhaltung und Verbesserung des Gesundheitssystems mithelfen, bekommen aber dafür keine fixen Zuwendungen. Wir wollen für unsere Arbeit kein Geld, aber die Ausgaben, vor allem die persönlichen Ausgaben der Funktionäre und freiwilligen MitarbeiterInnen sollten refundiert werden können. Ich hoffe, dass es in der EU keine negativen Veränderungen gibt, sodass wir von dieser Seite nicht zusätzlich gefordert werden. Die Arge Niere wird diese Entwicklungen genau beobachten und wir werden uns auf Änderungen entsprechend vorbereiten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Link:

Arbeitsgemeinschaft Niere Österreich (ANÖ)

Vereine Niere Oberösterreich (VNOÖ)

 

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