Univ. Prof. Dr. Gert Mayer: Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen“

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis – Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen“

Univ. Prof. Dr. Gert Mayer, Direktor der Inneren Medizin IV
Univ. Prof. Dr. Gert Mayer, Direktor der Inneren Medizin IV

In Bezug auf unser Gesundheitssystem (aber nicht nur in Bezug darauf) ist dieser Spruch überaus aktuell. Das Jahr 2015 wird für ÄrztInnen im Spitalsbereich zwei, ganz wesentliche Änderungen bringen. Einerseits wird ein neues Arbeitszeitgesetz (AZG) umgesetzt, andererseits wird die Ärzteausbildung neu geordnet.
Das neue AZG soll überlange Arbeitszeiten verhindern und geht damit prinzipiell in die richtige Richtung. Trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass nun das Kind, zumindest teilweise, mit dem Bade ausgeschüttet wird. Während meiner Ausbildung waren 49 Stunden Wochenenddienste die Regel, in den Sommermonaten habe ich mich über viele Jahre hinweg mit einem anderen Kollegen ohne Pause und rund um die Uhr einfach abgewechselt. War dies richtig? Wahrscheinlich nicht. Sogar die nun noch erlaubten 25 Stunden ohne Unterbrechung können, unter körperlich, geistig oder psychisch extremen Umständen zu lange sein, allerdings arbeiten nicht alle Ärzte kontinuierlich in einem Ausnahmezustand. Außerdem gibt es KollegInnen, die mehr als durchschnittlich 48 Stunden pro Woche an ihrer Abteilung arbeiten möchten und die Erfahrung hat gelehrt, dass dies ohne Gefahr für die Gesundheit der MitarbeiterInnen oder die Qualität der Betreuung der Patienten möglich ist.

Ärztearbeitszeit im Wandel

Natürlich ist es plakativ zu fordern, dass man von einem „ausgeschlafenen“ Arzt behandelt wird. Wie soll man hier widersprechen? Allerdings ist „ausgeschlafen“ keine „ja“ oder „nein“ Entscheidung, es gibt Abstufungen. Und natürlich bedeutet die Arbeitszeitbeschränkung in Kliniken mit eigenen Nachtdiensten häufigere Abwesenheiten in der Kernarbeitszeit. Selbst ausführliche und exakte Übergaben können in manchen Fächern aber eine kontinuierliche, von einem Leitgedanken getragene Diagnostik und Therapie nicht ersetzen. Eine weitere, oft gehörte Forderung ist jene nach einer ausgeglichenen „work – life balance“. Ich bin altmodisch aber ich gestehe, dass ich ein Problem mit diesem Konzept habe, weil es den Eindruck vermittelt, dass „Arbeit“ und „Leben“ Gegensätze sind. Was aber, wenn man Arbeit als wichtigen und erfüllenden Teil des Lebens sieht? Ich vertrete durchaus die Ansicht, dass man niemanden zu überlangen Arbeitszeiten verpflichten soll und dass jemand, der auch andere Interessen als den Beruf hat deshalb noch lange kein schlechterer Arzt ist (so wie eine monomane Beschäftigung mit der Medizin nicht sicherstellt, dass man ein guter Arzt ist). Muss man aber „work“ gesetzlich tatsächlich massiv beschränken um damit „life“ zu gewinnen? Ich glaube es nicht.

Neue Fachärzteausbildung

Wie so oft ist es schwierig komplexe Themen differenziert zu diskutieren. Regeln müssen offensichtlich einfach sein, auch wenn man damit alles über einen Leisten schert. Das AZG kommt, wir werden damit umgehen lernen und der klinische Alltag wird sich anpassen (müssen). In Tirol galten bereits bisher strengere Regeln als in manch anderen Bundesländern, trotzdem wird das neue AZG seine Spuren hinterlassen. Wir werden das Beste daraus machen und vielleicht entsteht auch etwas Neues, das ökonomischer ist, als das, was wir bisher machen.
Im Gegensatz zum Problemkreis um das AZG schenkt die Öffentlichkeit der neuen Ärzteausbildungsordnung, welche sich derzeit in parlamentarischer Begutachtung befindet, weniger Aufmerksamkeit. Im Prinzip versucht man sich mit dieser Neuordnung den europäischen Gepflogenheiten anzupassen. Im Bereich der Inneren Medizin war es zum Beispiel in Österreich bisher so, dass man zuerst eine 6-jährige Ausbildung zum Internisten machen musste, bevor man die 2-3 Jahre dauernde Ausbildung in einem Sonderfach (wie z.B. Nephrologie) beginnen konnte. In anderen EU Ländern kann man nach 6 Jahren diese Ausbildung aber in 6 Jahren absolvieren und dies soll nun auch in Österreich möglich werden. Die Umstellung der Ausbildung während der Einführungsphase des neuen AZG wird eine nicht unbeträchtliche zusätzliche Herausforderung sein.

Auswirkungen auf die Innsbrucker Nephrologie

Wie werden sich die Veränderungen nun auf die Nephrologie auswirken? Die neue Ausbildungsordnung sehe ich absolut als Chance. Bei einer guten organsierten Rotation innerhalb der Klinik in Innsbruck werden unsere jungen KollegInnen weiterhin eine sehr gute allgemein internistische Ausbildung erhalten. In Anbetracht des extremen Mangels an NephrologInnen ist eine kürzere „Lehrzeit“ aber sehr begrüßenswert. Was das AZG für die Arbeitsbedingungen in den Krankenanstalten bedeutet wird allerdings erst die Zukunft zeigen und hier kann sich für die Nephrologie ein Problem ergeben. Die Entscheidung sich auf dem Gebiet der Nierenerkrankungen zu spezialisieren bedeutet gleichzeitig meist eine Wahl für eine Krankenhauskarriere, unser Fach spielt im niedergelassenen Bereich de facto keine Rolle. Ob sich allerdings Studienabsolventen bereits so früh für eine derart fest vorgegebene, aber letztendlich derzeit ungewisse Zukunft entscheiden möchten wird sich erst weisen.

Ist dies alles ein Grund zu verzagen? Mein Vater pflegte zu sagen: „Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben“ und in diesem Satz steck viel Weisheit. Das Team der Nephrologie (Ärzte, Pflege, und auch alle anderen) wird sich den Aufgaben stellen. Wir werden turbulente Zeiten erleben und ich bitte jetzt schon alle unsere Patienten um etwas Nachsicht, wenn es organisatorisch am Beginn des nächsten Jahres etwas „rumpelt“. Ich bin mir aber auch sicher, dass wir in einigen Jahren auf diese interessante Zeit zurück blicken werden und uns sagen, dass wir ungeheuer viel gelernt haben und Strukturänderungen auch viele positive Seiten haben.

Ich wünsche Ihnen allen schöne Weihnachten und einen guten Rutsch in das neue Jahr und bedanke mich auch ganz besonders beim Verein „Nephro Tirol“ für die gute und produktive Zusammenarbeit. (VNT 24.12.2014)

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Universitätsklinik Innere Medizin IV